Rottenburg

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Wurmlingen und die Wurmlinger Kapelle


Die Wurmlinger St. Remigius Kapelle liegt 475m hoch am westlichen Ausläufer des Spitzberges, dem Kapellenberg, östlich des Ortes Wurmlingen, zwischen Tübingen und Rottenburg. Man kann sie sowohl vom Ammertal als auch vom Neckartal in ihrer einzigartigen Lage bewundern. Wer sie über den Kreuzweg erklimmt, hat eine überragende Aussicht in beide Täler, fast wie vom Flugzeug aus. Im Jahre 2000 wurde sie 950 Jahre alt. Der Ort Wurmlingen selbst feierte im gleichen Jahr erst sein 900-jähriges Jubiläum.


Nur die Krypta erinnert noch an den romanischen, unter Papst Leo IX 1050 vollendeten Bau. Die Kirche wurde im Dreißigjährigen Krieg ein Opfer der Flammen und wurde im 17. Jahrhundert neu aufgebaut. Ihre heutige Form bekam die Kapelle erst in den Jahren 1962/63.

Im Jahre 1687 wurden die Kreuzwegstationen errichtet. 1780 verlor die Kapelle ihre Pfarrrechte an die Kirche im Dorf. Aber unverändert über die Jahrhunderte ist sie ein beliebtes Wallfahrts- und Ausflugsziel geblieben. Und rund um die Kapelle, so wie etwas unterhalb, ist immer noch der Friedhof von Wurmlingen.
Heute ist die Kapelle unter anderem am Karfreitag der Ort der Processione del Cristo Morte, die allerdings im Jahre 2000 ausfallen musste. Das Gasthaus "Zur Wurmlinger Kapelle" wurde 2004 dauerhaft geschlossen.

Ludwig Uhland hat im 21. September 1805 nach einem Spaziergang mit Freunden das das berühmte Gedicht "Droben stehet die Kapelle" geschrieben. Nach zweihundert Jahren, am 25.9.2005, haben lokale Politiker und Vereine und etwa 200 BürgerInnen mit einem Festakt am Fuße der Wurmlinger Kapelle daran erinnert.

Mitwirkende waren der damalige Rottenburger Oberbürgermeister KlausTappeser und der damalige Bürgermeister Eugen Höschele aus Tübingen, die Ortsvorsteher Ulrich Latus aus Hirschau und Hans-Dieter Bauschert aus Wurmlingen, der Männerchor der Chorgemeinschaft Tübingen unter der Leitung von Sibylle Brückel, der Musikverein Wurmlingen, die Trachtengruppen aus Wurmlingen und Hirschau, der Obst- und Weinbauverein Hirschau und rezitiert hat Ute Jönsson aus Weilheim.

Bei bestem Wanderwetter hatte in flottem Tempo der damalige Tübinger Kulturamtsleiter Prof. Wilfried Setzler die große Wandergruppe in 90 Minuten vom Schlosshof in Tübingen entlang des Jakobsweges nach Wurmlingen geführt. Die Veranstaltung zeigte einmal mehr die enge Verbundenheit von Rottenburg und Tübingen.

Im Schwäbischen Heimatbuch 1934 (pp 81 - 86) schreibt Anton Pfeffer aus Rottenburg anlässlich einer 900-Jahr-Erinnerung über die Wurmlinger Kapelle im schwäbischen Geistesleben, dass Ludwig Uhland mit seinen Gedichten bis zu 30.000 Gulden verdient hatte. Der Ruhm der Wurmlinger Kapelle war schon 1911 (also etwas mehr als 100 Jahren nach der Veröffentlichung des Gedichtes) so groß, dass es nach dem Erdbeben am 16.11.1911, bei dem die Kapelle teilweise zerstört wurde, nur kurze Zeit (bis 1913) dauerte, bis so viel Geld durch Sammlungen zusammen kam, dass ihre Wiederherstellung erfolgen konnte.

Gedichte zur Wurmlinger Kapelle

 

Die Kapelle
(Ludwig Uhland geschrieben im September 1805, nach einem Spaziergang mit Freunden von Tübingen nach Wurmlingen)

Droben stehet die Kapelle,
Schauet still ins Tal hinab.
Drunten singt bei Wies' und Quelle
Froh und hell der Hirtenknab.

Traurig tönt das Glöcklein nieder,
Schauerlich der Leichenchor;
Stille sind die frohen Lieder,
Und der Knabe lauscht empor.

Droben bringt man sie zu Grabe,
Die sich freuten in dem Tal;
Hirtenknabe, Hirtenknabe!
Dir singt man dort auch einmal.

Bei der Wurmlinger Kapelle
(Christian Reinhold Köstlin)

Droben seit vielhundert Jahren
Die Kapelle niederschaut.
Mancher ist vorbei gefahren,
Mancher hat sich dort erbaut.

Wenn der Abend kommt gegangen
Und in seinem Rosenlicht
Dort die stillen Gräber prangen, -
Siehest Du die Geister nicht?

Rings umwandeln sie den Hügel,
Singen freundlich Dir herab!
Rühr, o Seele, noch die Flügel
Die ein guter Gott Dir gab!

Was da lebt, soll Leben sprühen;
Immer bleibt zum Sterben Zeit;
Und, was aufgehört zu blühen,
Reift bei uns zur Ewigkeit.

Geh, denn rüstig fort, o Wandrer!
Träume Deines Lebens Traum!
Rüstig!- Morgen kommt ein Andrer,
Endlich ist für Alle Raum.

Die Wurmlinger Kapelle
(Nikolaus Lenau)

Luftig, wie ein leichter Kahn,
Auf des Hügels grüner Welle
Schwebt sie lächelnd himmelan,
Dort die friedliche Kapelle.

Rötlich kommt der Morgenschein
Und es kehrt der Abendschimmer
Treulich bei dem Bilde ein,
Doch die Menschen kommen nimmer.

Einst bei Sonnenuntergang
Schritt ich durch die öden Räume
Priesterwort und Festgesang
Säuselten um mich wie Träume.

Leise werd' ich hier umweht
Von geheimen frohen Schauern,
Gleich, als hätt' ein fromm Gebet
Sich verspätet in den Mauern.

Und Maria's schönes Bild
Schien vom Altar sich zu senken,
Schien in Trauer, heilig mild
Alter Tage zu gedenken.

Scheidend grüsset hell und klar
Noch die Sonn' in die Kapelle,
Und der Gräber stille Schar
Liegt so traulich vor der Schwelle.

Freundlich schmiegt des Herbstes Ruh
Sich an die verlass'nen Grüfte;
Dort dem fernen Süden zu
Wandern Vögel durch die Lüfte.

Und der Baum im Abendwind
Lässt sein Laub zu Boden wallen,
Wie ein schlafergriff'nes Kind
Lässt sein buntes Spielzeug fallen.

Alles schlummert, Alles schweigt,
Mancher Hügel ist versunken,
Und die Kreuze steh'n geneigt
Auf den Gräbern - schlafestrunken.

Hier ist all mein Erdenleid
Wie ein trüber Duft zerflossen;
Süsse Todesmüdigkeit
Hält die Seele hier umschlossen.

An die Wände der Wurmlinger Bergkapelle geschrieben
(G. Schwab)

Wie die Heiligen, die dich bewohnen,
Selig-heiter steht dein milder Bau,
Wie herabgesenkt aus bessern Zonen
Adelst du die abgeschied'ne Au.
Unter dir das irdische Gewimmel,
Über dir des Himmels ew'ge Ruh;
Und du schwebest zwischen Erd' und Himmel,
Lächelst freundlich beiden zu.

Einen Platz nur hast du von der Erde
Aufgenommen in dein still Gebiet,
Einen, dessen traurige Gebärde
Jede lebensfrohe Menge flieht.
Wo die schwarzen Kreuze deutend stehen,
Wo der Boden ahnungsvoll sich schwellt,
Willst du tief ein ernstes Feld besäen
Für den Himmel, nicht die Welt.

Lieblich blicket nach dem Feld der Leichen
Aus den Fenstern dein Marienbild,
Und ich flehe zu der Gnadenreichen:
Mir auch lächle, Jungfrau, zart und mild!
Vielen hast du Trost und Heil geboten
Und gelindert manchen herben Schmerz;
Bist du eine Pflegerin der Toten,
Wecke dann mein sterbend Herz.

Liebeskrank wird Liebe nur es heilen:
Deine Liebesüberschwenglichkeit
Kannst du sie mit einer Jungfrau teilen,
Hold wie du und züchtig und geweiht?
Gib ihr nur von deiner, reinen Liebe,
Schenk ihr nur die neigungsvolle Ruh,
Daß sie so in ihren Triebe
Auf mich niederschau, wie du!

Aber du, geheiligte Kapelle,
Lass, oh lass mich einmal nur mit Ihr
Betend knien auf deiner heilgen Schwelle
Vor der aufgetanen Himmelstür.
Fällt von ihren gottdurchdrungnen Blicken
Einer liebend dann auf mich - oh nun
Lass mich tot, nach himmlischen Entzücken,
Unter deinen Kreuzen ruhn!

Die Wurmlinger Kapelle
(Clemens, am 4.10.1987, animiert durch C. R. Köstlin)

Wenn heiße Winde Deine Flanken streichen,
Der Abendsonne Glut im Dunst versinkt.
Wenn Menschenhände sich einander reichen,
Dann fühl ich wie voll Lust wir sind!

Ein Blick ins Land, o Wurmlinger Kapelle,
An solchen Tagen, das ist Leben!
Die Menschen fühlen Heimat hier an dieser Stelle
Und wissen es wird Freude geben! 

Besungen wirst Du oft, befühlt noch kaum,
- es sei denn von des Schäfer's Herden -
Du bist sehr wirklich, bist kein Traum;
Bist sinnlich fast und willst erobert werden!

Die Wurmlinger Kapelle
(Heiner, 4.10.1987, animiert von Clemens)

Wenn heiße Winde Deine Flanken streicheln,
Der Adler hoch sich in die Lüfte hebt,
Der Abendsonne Strahlen uns dann schmeicheln,
Das Herz in wahrer Wonne sich erhebt! 

Wir rasten dann im Schatten der Kapelle,
Wo Eros seine Pfeile schießt
Und morgen auf der Morgenstelle
Ein neuer Tag uns kalt umschließt. 

Oh weile, weile hier im Talesgrunde
Und schaue in die Weite dort!
Laß hören mich aus Deinem Munde,
Daß Liebe nicht nur sei ein Wort!

Die Wurmlinger Kapelle
(Von Christine, 4.10.1987, animiert von Heiner)

Wenn heiße Winde Deine Flanken streichen,
Wenn Luft und Licht sich um Dich webt,
Dann sitz ich hier und schau ins Weite.
Und denk, wonach es in mir strebt! 

So langsam kehr ich mich zur Ruhe
Und denk, daß Frieden rnöglich sei.
Ich lasse wirken Deine Nähe
Und fühl mich gänzlich wohl dabei

So nehm ich Abschied dann erst spät am Tage
Die Dämmrung mich nach Hause treibt.
Gern komm ich wieder mal zu Dir;
Dein Bild in meinem Innern bleibt!

Wurmlinger Kapelle!
(Annelore, 17.10.1987; ist kurz danach verstorben)

Wenn heiße Winde Deine Flanken streichen,
Die wilde Rose über Mauern rankt.
Dann denk an Deine Lippen ich - die Bleichen!
Und meine Seele voller Sehnsucht - krankt.

Ich wünsche mich hinauf zu Dir, Kapelle!
Die Du ein Schiff in Wolken bist,
So hoch erhaben wie die stolze Helle,
Ich liebte sie zu jeder Frist.

Ich wünsche mich hinauf in Deinen Garten
In dem der Sommer ewig blüht.
Mit Plastikrosen - die dort auf mich warten,
Wenn's letzte Fünkchen Leben ausgeglüht!

Wurmlinger Kapelle
(Klaus B. aus Frankfurt am Main, Dezember 2001, animiert von Annelore)

Wenn heiße Winde über deine Flanken streichen,
ist eins gewiß: zur Alb hin fliegen
werd ich erst dann,
wenn Tag und Nacht sich gleichen.

Da gingen Jahre schon vor mir der Hegel und der Hölderlin
den Weg, auf dem die Ochsen zogen den Leichnam dieses Grafen,
man weiß genau, bis zu der Stelle,
wo heute stehet die Kapelle.

Werd einmal ich noch wiedersehn
dies alte Schiff in Wolken,
werd ich an deinem Hügel stehn -
nur kurz, denn du willst schlafen.

Wurmlinger Kapelle
(Arne H., animiert durch Christine, 26.Juni 2010)

Wenn heiße Winde Deine Flanken streichen
Kann mich die Sehnsucht ganz erreichen
Wirst Du dann hüten meine Träume
Mir auf der Reise Beistand leisten

Trägst mich hinaus in warme Tage
Mit Freunden, die längst anders wohnen
Mein Herz spürt nochmals diese Räume
Und will so fest die Sehnsucht halten

So denk ich an den Augenblick
Auf dieser Bank in Deiner Nähe
Und gibst Du mir dann gleich zurück
Die warmen Tage und die Freunde

So bin ich ruhig und spüre schon
Mein Herz, das öffnet sich sodann
Bin nicht allein auf dieser Reise
Und meine Sehnsucht ruhen kann.



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